"Mister EURO" Martin Kallen im sportnet.at-Interview.
Sonntag, 30. September 2007 von: Christoph Luke
"Wir sind ein Jahr voraus"
Am "Tag des Sports" traf sportnet.at Martin Kallen, Geschäftsführer der EURO 2008 SA, zum Interview. Der Schweizer im Gespräch über Fanmeilen, die österreichische Nationalmannschaft, die Kommerzialisierung des Sports, Sicherheit und seinen Traum vom UNO-Job.
Martin Kallen lehnt sich gemütlich zurück. "Ein bisschen entspannen kann man hier schon, es ist kein normaler Arbeitstag", sagt "Mister Euro" beim Treffen mit sportnet.at im Rahmen des "Tag des Sports", bei dem rund 350.000 Menschen den Wiener Heldenplatz besuchten.
Der 44-jährige Berner ist Geschäftsführer der EURO 2008 SA. Die Tochtergesellschaft der UEFA zeichnet für die Organisation des Mega-Events verantwortlich.
sportnet.at: Wir sitzen hier am Heldenplatz, der während der EURO ein Teil der Fanmeile sein wird. Darüber wurde in Wien viel diskutiert. Halten Sie den Standort für ideal? Man hätte auch auf die Donauinsel oder in den Prater wandern können.
Martin Kallen: "Wenn die Fans nach Wien kommen, wollen sie in die Stadt und werden nicht auf die Donauinsel rausfahren. Von der Logistik her ist die Donauinsel sicher besser als das Stadtzentrum, aber man muss sich dem Strom der Leute anpassen. Wenn die Möglichkeit besteht, die Fanmeile im Zentrum zu haben, ist das natürlich besser."
Wie liegt man im Vergleich zur EURO 2004 im Rennen?
"Wir sind ein gutes Jahr voraus. 2004 haben wir viele Dinge erst in letzter Sekunde gemacht."

"Die österreichische Mannschaft hat nicht Vollgas gegeben."
Sie haben im neuen Klagenfurter Stadion zuletzt die Partie Österreich gegen Japan verfolgt. Man darf annehmen, dass Ihnen die neue Arena besser als das Spiel gefallen hat?
"Ja, ganz eindeutig. Das Stadion ist ein schönes Schmuckkästchen. Ich bin mit gemischten Gefühlen nach Klagenfurt gefahren, war mir nicht sicher, ob mit dem Verkehrskonzept alles klappt. Aber die Klagenfurter haben sehr gut gearbeitet. Das Spiel selber war nicht gerade berauschend, wobei die Japaner ja keine einfachen Gegner waren. Ich hatte aber nicht den Eindruck, dass die Österreicher Vollgas geben. Der Trainer hat noch viel Arbeit vor sich."
Wie wichtig ist es für die EURO, dass die Top-Nationen dabei sind? Bei Frankreich, England und Italien kann es ja durchaus eng werden.
"Wirtschaftlich spielt es keine Rolle, der Sport soll Vorrang haben. Wenn wir die Top-Teams nicht und dafür nur Andorra oder Liechtenstein dabei hätten, hätte das Turnier von der Bedeutung her ein Problem. Das wird aber nicht der Fall sein. Wir sagen: die sportliche Idee soll im Vordergrund stehen. Zwischendurch bleibt ein Großer auf der Strecke, dafür kann sich ein kleineres Land qualifizieren. Langfristig braucht man einen guten Mix aus Groß und Klein."
Nun gibt es viele Fangruppen, die Veranstaltungen wie Europa- und Weltmeisterschaften als Kommerzveranstaltung bezeichnen.
"Wir sind sehr stark kommerzialisiert. Aber unser Präsident Michel Platini will den Fußball wieder in der Vordergrund rücken. Wichtig ist, dass uns allen bewusst ist, dass es um ein Spiel, einen Sport geht – das muss das zentrale Thema sein."

Martin Kallen, sportnet.at-Redakteur Christoph Luke und das Objekt der Begierde, der EM-Pokal.
Die Aktion "Österreich zeigt Rückgrat" fordert, dass die österreichische Nationalmannschaft dem Fußball zuliebe nicht an der EM teilnehmen soll. Was halten Sie davon?
"Das ist Idiotie und im Ausland sehr schlecht angekommen. Damit hatten wir etwa Schlagzeilen in England, das hat polarisiert. Das schadet eher Österreich und dem Fußball, als dass es etwas bewegt. Man kann es nicht ernst nehmen. Aber natürlich waren das negative Meldungen, die nicht notwendig waren."
Thema Sicherheit: Bei der Weltmeisterschaft gab es in Deutschland 9.000 Festnahmen, wohl eher das Gegenteil von friedlich. Wie weit ist man mit den Planungen?
"Die Polizeistellen Österreichs und der Schweiz sind sehr weit und arbeiten eng mit Deutschland zusammen. Das Konzept ist ähnlich wie jenes in Deutschland. Dort hat man es gut gemacht. Es waren über 10 Millionen Menschen dort, da sind 9.000 Festnahmen in der Relation nicht so viel."

"Die Aktion 'Österreich zeigt Rückgrat' kann man nicht ernst nehmen."
In Österreich wurde die Präventivhaft sehr hitzig diskutiert. Vor einigen Tagen spielte Rapid Wien im UEFA-Cup bei Anderlecht. Rund 40 Rapid-Fans wurden zum großen Teil willkürlich verhaftet und eingesperrt. Das kann ja nun auch nicht der Weisheit letzter Schluss sein.
"Nein. Wir haben ein klares Konzept: Wir wollen ein Fest, keine Festung. Wir wollen Freundlichkeit und keine Aggression zeigen. Mit der belgischen Polizei habe ich schon im Jahr 2000 zusammen gearbeitet. Deren Philosophie ist es, Stärke zu zeigen. Das ist manchmal das falsche Mittel. In Belgien hatten sie damals schon Probleme beim EM-Spiel zwischen Deutschland und England in Charleroi. Da war die Polizei sehr nervös. Für die ist es auch sehr schwer: passiert nichts, ist es okay. Passiert etwas, sind die Polizisten gleich die Idioten: greifen sie zu wenig oder zu hart ein? In Portugal war die Polizei sehr freundlich und hilfsbereit, da sind auch die Fans nicht aggressiv geworden."
In einem Interview haben Sie gesagt, Sie würden gerne für die UNO arbeiten. Welche Position würde Sie reizen?
"Mir gefällt es, in internationalem Umfeld zu arbeiten und etwas zu bewegen. Das Non-plus-ultra für mich wäre Generalsekretär, aber das ist natürlich nicht realistisch. Aber dieses Umfeld, mit vielen verschiedenen Leuten zusammen zu arbeiten, würde mir gefallen."
"Wir sind ein Jahr voraus"
Am "Tag des Sports" traf sportnet.at Martin Kallen, Geschäftsführer der EURO 2008 SA, zum Interview. Der Schweizer im Gespräch über Fanmeilen, die österreichische Nationalmannschaft, die Kommerzialisierung des Sports, Sicherheit und seinen Traum vom UNO-Job.
Martin Kallen lehnt sich gemütlich zurück. "Ein bisschen entspannen kann man hier schon, es ist kein normaler Arbeitstag", sagt "Mister Euro" beim Treffen mit sportnet.at im Rahmen des "Tag des Sports", bei dem rund 350.000 Menschen den Wiener Heldenplatz besuchten.
Der 44-jährige Berner ist Geschäftsführer der EURO 2008 SA. Die Tochtergesellschaft der UEFA zeichnet für die Organisation des Mega-Events verantwortlich.
sportnet.at: Wir sitzen hier am Heldenplatz, der während der EURO ein Teil der Fanmeile sein wird. Darüber wurde in Wien viel diskutiert. Halten Sie den Standort für ideal? Man hätte auch auf die Donauinsel oder in den Prater wandern können.
Martin Kallen: "Wenn die Fans nach Wien kommen, wollen sie in die Stadt und werden nicht auf die Donauinsel rausfahren. Von der Logistik her ist die Donauinsel sicher besser als das Stadtzentrum, aber man muss sich dem Strom der Leute anpassen. Wenn die Möglichkeit besteht, die Fanmeile im Zentrum zu haben, ist das natürlich besser."
Wie liegt man im Vergleich zur EURO 2004 im Rennen?
"Wir sind ein gutes Jahr voraus. 2004 haben wir viele Dinge erst in letzter Sekunde gemacht."

"Die österreichische Mannschaft hat nicht Vollgas gegeben."
Sie haben im neuen Klagenfurter Stadion zuletzt die Partie Österreich gegen Japan verfolgt. Man darf annehmen, dass Ihnen die neue Arena besser als das Spiel gefallen hat?
"Ja, ganz eindeutig. Das Stadion ist ein schönes Schmuckkästchen. Ich bin mit gemischten Gefühlen nach Klagenfurt gefahren, war mir nicht sicher, ob mit dem Verkehrskonzept alles klappt. Aber die Klagenfurter haben sehr gut gearbeitet. Das Spiel selber war nicht gerade berauschend, wobei die Japaner ja keine einfachen Gegner waren. Ich hatte aber nicht den Eindruck, dass die Österreicher Vollgas geben. Der Trainer hat noch viel Arbeit vor sich."
Wie wichtig ist es für die EURO, dass die Top-Nationen dabei sind? Bei Frankreich, England und Italien kann es ja durchaus eng werden.
"Wirtschaftlich spielt es keine Rolle, der Sport soll Vorrang haben. Wenn wir die Top-Teams nicht und dafür nur Andorra oder Liechtenstein dabei hätten, hätte das Turnier von der Bedeutung her ein Problem. Das wird aber nicht der Fall sein. Wir sagen: die sportliche Idee soll im Vordergrund stehen. Zwischendurch bleibt ein Großer auf der Strecke, dafür kann sich ein kleineres Land qualifizieren. Langfristig braucht man einen guten Mix aus Groß und Klein."
Nun gibt es viele Fangruppen, die Veranstaltungen wie Europa- und Weltmeisterschaften als Kommerzveranstaltung bezeichnen.
"Wir sind sehr stark kommerzialisiert. Aber unser Präsident Michel Platini will den Fußball wieder in der Vordergrund rücken. Wichtig ist, dass uns allen bewusst ist, dass es um ein Spiel, einen Sport geht – das muss das zentrale Thema sein."

Martin Kallen, sportnet.at-Redakteur Christoph Luke und das Objekt der Begierde, der EM-Pokal.
Die Aktion "Österreich zeigt Rückgrat" fordert, dass die österreichische Nationalmannschaft dem Fußball zuliebe nicht an der EM teilnehmen soll. Was halten Sie davon?
"Das ist Idiotie und im Ausland sehr schlecht angekommen. Damit hatten wir etwa Schlagzeilen in England, das hat polarisiert. Das schadet eher Österreich und dem Fußball, als dass es etwas bewegt. Man kann es nicht ernst nehmen. Aber natürlich waren das negative Meldungen, die nicht notwendig waren."
Thema Sicherheit: Bei der Weltmeisterschaft gab es in Deutschland 9.000 Festnahmen, wohl eher das Gegenteil von friedlich. Wie weit ist man mit den Planungen?
"Die Polizeistellen Österreichs und der Schweiz sind sehr weit und arbeiten eng mit Deutschland zusammen. Das Konzept ist ähnlich wie jenes in Deutschland. Dort hat man es gut gemacht. Es waren über 10 Millionen Menschen dort, da sind 9.000 Festnahmen in der Relation nicht so viel."

"Die Aktion 'Österreich zeigt Rückgrat' kann man nicht ernst nehmen."
In Österreich wurde die Präventivhaft sehr hitzig diskutiert. Vor einigen Tagen spielte Rapid Wien im UEFA-Cup bei Anderlecht. Rund 40 Rapid-Fans wurden zum großen Teil willkürlich verhaftet und eingesperrt. Das kann ja nun auch nicht der Weisheit letzter Schluss sein.
"Nein. Wir haben ein klares Konzept: Wir wollen ein Fest, keine Festung. Wir wollen Freundlichkeit und keine Aggression zeigen. Mit der belgischen Polizei habe ich schon im Jahr 2000 zusammen gearbeitet. Deren Philosophie ist es, Stärke zu zeigen. Das ist manchmal das falsche Mittel. In Belgien hatten sie damals schon Probleme beim EM-Spiel zwischen Deutschland und England in Charleroi. Da war die Polizei sehr nervös. Für die ist es auch sehr schwer: passiert nichts, ist es okay. Passiert etwas, sind die Polizisten gleich die Idioten: greifen sie zu wenig oder zu hart ein? In Portugal war die Polizei sehr freundlich und hilfsbereit, da sind auch die Fans nicht aggressiv geworden."
In einem Interview haben Sie gesagt, Sie würden gerne für die UNO arbeiten. Welche Position würde Sie reizen?
"Mir gefällt es, in internationalem Umfeld zu arbeiten und etwas zu bewegen. Das Non-plus-ultra für mich wäre Generalsekretär, aber das ist natürlich nicht realistisch. Aber dieses Umfeld, mit vielen verschiedenen Leuten zusammen zu arbeiten, würde mir gefallen."